20. April 2021 09:30

Er bleibt seinen Superlativen treu

Er war schon „Die Person des Jahres“, „Der Geschäftsmann des Jahres“, „Der schlechteste Chef der Welt“ und er wird immer wieder zum „Reichsten Menschen der Welt“ gekürt. Er beansprucht die großzügigste und teuerste Scheidung aller Zeiten für sich und besitzt das prächtigste Luxusanwesen in Beverly Hills:

Jeffrey Preston „Jeff“ Bezos

Als CEO von Amazon wird Bezos im dritten Quartal dieses Jahres zurücktreten und durch den Chef von Amazon Web Services, Andy Jassy, ersetzt. Aber er bleibt Executive Chairman und wird sich weiterhin engagieren. Wie, das verrät er uns im letzten seiner legendären Aktionärsbriefe und – natürlich –überrascht er uns erneut mit einer Ankündigung der Superlative.

Letztes Jahr (2020) hat Amazon 500.000 Mitarbeiter eingestellt und beschäftigt jetzt direkt 1,3 Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Die Wertschöpfung daraus beträgt 91 Milliarden US-Dollar und setzt sich aus 80 Milliarden Dollar an Mitarbeiter-Verdiensten sowie 11 Milliarden Dollar an Sozialleistungen und Lohnsteuern zusammen.

Das „Debakel“ von Bessemer

Amazons Umgang mit seinen Mitarbeitern stand in den letzten Monaten wieder einmal im Fokus, dieses Mal mit einer genau beobachteten Gewerkschaftsbewegung in seinem Warenlager in Bessemer, Alabama. Die Mitarbeiter stimmten letzte Woche mit großer Mehrheit gegen eine gewerkschaftliche Vertretung und beendeten damit den ernsthaftesten Versuch, einen Teil der Belegschaft des Unternehmens gewerkschaftlich zu organisieren. Dazu muss man wissen, dass es in den USA nicht wie in Deutschland eine Gewerkschaftsvertretung nach Branchen gibt, sondern jeder einzelne Standort sich einer Gewerkschaft anschließen muss. Nur noch etwa sechs Prozent der Arbeiter in der Privatwirtschaft sind heute organisiert – wohl, weil sie sich zunehmend nicht ausreichend vertreten fühlen. 

In Bessemer und anderen Fulfillment-Zentren geht es nicht in erster Linie um Amazons Lohnsatz – 2018 führte Amazon als Vorreiter in den USA einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde ein, die bundesweite Lohnuntergrenze liegt bei 7,25 Dollar –, sondern um die Arbeitsgeschwindigkeit, das Fehlen ausreichender Pausen und die Überwachung der Mitarbeiter.

Nun könnte Amazon diese Abstimmung als Erfolg bzw. Bestätigung seiner Beschäftigungspolitik verbuchen und zur Tagesordnung übergehen. Wäre da nicht Jeff Bezos, der sich offensichtlich herausgefordert fühlt:

„Tröstet Ihren Vorsitzenden das Ergebnis der jüngsten Gewerkschaftsabstimmung in Bessemer? Nein, das tut es nicht. Ich denke, wir müssen einen besseren Job für unsere Mitarbeiter machen. Obwohl das Abstimmungsergebnis eindeutig war und unsere direkte Beziehung zu den Mitarbeitern stark ist, ist mir klar, dass wir eine bessere Vision brauchen, wie wir Werte für die Mitarbeiter schaffen - eine Vision für ihren Erfolg.“

Der beste Arbeitgeber der Welt und der sicherste Arbeitsplatz der Welt

„Wir wollten schon immer das kundenorientierteste Unternehmen der Welt sein. Das werden wir nicht ändern. Das ist es, was uns hierher gebracht hat. Aber ich verpflichte uns zu einer Ergänzung. Wir werden ‚Earth's Best Employer‘ und ‚Earth's Safest Place to Work‘ sein.“

Jeder, der diesen „Glatzkopf“ lediglich in eine Reihe mit den ausbeuterischsten Menschen aller Zeiten zu stellen vermag, möge mir nun verzeihen, dass ich Jeff Bezos für diese Ankündigung Respekt zolle.

„In meiner kommenden Rolle als Executive Chair werde ich mich auf neue Initiativen konzentrieren. Ich bin ein Erfinder. Das ist es, was mir am meisten Spaß macht und was ich am besten kann. Hier schaffe ich den größten Wert. Ich freue mich darauf, mit dem großen Team leidenschaftlicher Menschen zusammenzuarbeiten, das uns zur Verfügung steht, und in dieser Arena dabei zu helfen ‚Earth's Best Employer‘ und ‚Earth's Safest Place to Work‘ zu erfinden. Was die Details angeht, sind wir bei Amazon immer flexibel, aber wenn es um unsere Visionen geht, sind wir stur und unnachgiebig. Wir sind noch nie gescheitert, wenn wir uns etwas in den Kopf gesetzt haben, und wir werden auch hier nicht scheitern.“

Erste Konzepte zur Reduzierung von Muskel-Skelett-Erkrankungen und zur Unfallvermeidung liegen bereits vor. Amazon will heuer mehr als 300 Millionen Dollar in Sicherheitsprojekte investieren. Und was es neben Löhnen, Sozialleistungen und Weiterbildungsmöglichkeiten sonst noch braucht, will Amazon „im Laufe der Zeit herausfinden“.

Folgt auf „The Climate Pledge” „The Employer’s Pledge”?

Im September 2019 hat Amazon zusammen mit Global Optimism „The Climate Pledge“ ins Leben gerufen, das „Klimaversprechen“, das mittlerweile 53 Unternehmen aus fast allen Wirtschaftszweigen unterzeichnet haben. Darunter befinden sich auch Atos, Henkel, IBM, Johnson Controls, Mercedes-Benz, Microsoft, Schneider Electric, Siemens, Uber, Unilever, UPM und Verizon, die sich verpflichtet haben, bis zum Jahr 2040, also zehn Jahre vor dem Ziel des Pariser Abkommens, in ihren Unternehmen weltweit eine Netto-Null-Emission zu erreichen.

Jeff Bezos strebt in allem, was er tut, mindestens 100 Prozent an. Und als „Bester Arbeitgeber und Sicherster Arbeitsplatz der Welt“ kann er sich meiner Meinung nach nicht nur auf die USA beschränken, denn Amazon ist neben Europa auch in Indien, Japan und China breit aufgestellt. Der bisherige und weiterhin bestehende Fokus auf „Das kundenorientierteste Unternehmen der Welt“ schließt ja auch den gesamten Globus ein. Ich hoffe, er sieht seine neueste Vision in diesem Sinne. 

Kritische Gewerkschafter-Stimmen nennen seine Ankündigung schon jetzt einen PR-Gag. Jeff Bezos sagte einmal, er habe den Namen „Amazon“ gewählt, weil der Amazonas um ein Vielfaches größer ist als der nächstgrößte Fluss und alle anderen Flüsse „wegbläst“. Ich bin gespannt, wie weit seine Puste reicht und ob sie einen „Wind of Change“ in die Amazon-Arbeitswelt bringen wird.

Das ist Crystal:

Alter: in Pension 

Interessen: Quizzen, Nähen, Geschichte, Wirtschaft und Finanzen

Bei Own360 seit: November 2019

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